Einen Brief vom 15. August 1845, der die Ereignisse des ersten

07. Februar 2017
Beethovenfestes beschreibt, konnten die BÜRGER FÜR BEETHOVEN dem Beethoven-Haus übergeben. Autorin ist Marie Ophoven, die auch der Enthüllung des Beethoven-Denkmals am 12. August 1845 teilgenommen hat. Der außergewöhnliche Zeitzeugenbericht war im Familienbesitz erhalten geblieben. Die detaillierte Schilderung beginnt mit dem Satz: „Einen solchen Zusammen­fluss von Künst­lern, als dieses Fest herbeiführte hatte ich nie gesehen und werde ihn auch wohl nicht mehr so zu sehn bekom­men.“ 
Einen Brief vom 15. August 1845, der die Ereignisse des ersten
Marie Ophoven geb. Hüffer (1814-1884) und ihr Brief vom 15. August 1845

 

Weiter unten finden Sie das Portrait von Marie Ophoven und ein Bild der ersten Seite Ihres Briefes vom 15. August 1845

 

Eine vollständige Abschrift des Briefes mit entsprechenden Erläuterungen finden Sie hier.

 

Den folgenden Text können Sie hier ausdrucken.

 

Außergewöhnliches Zeitzeugen-Zeugnis:

Originalbrief vom ersten Beethovenfest 1845 aufgetaucht 

Ein einmaliges historisches Dokument konnten die BÜRGER FÜR BEETHOVEN dem Beetho­ven-Haus Bonn übergeben: Es handelt sich um einen Brief, den die damals 31-jäh­rige Marie Ophoven am 15. August 1845 als Besucherin des ersten Beethovenfestes geschrieben hat. Der Brief war im Famili­enbesitz erhalten geblieben und fand von dort sei­nen Weg zum Vorsitzenden der BÜRGER FÜR BEETHOVEN Stephan Eisel: „Das haben wir der Weit­sicht von Sybille Ophoven (82) aus Dortmund zu verdanken, die die Bedeutung des Briefes erkann­te. Er stammt aus dem Nachlass ihres 2009 ver­storbener Mannes Adolf, der ein Ur-Urenkel der Auto­rin des Briefes von 1845 war.“ 

Der Direktor des Beethoven-Hauses Bonn Malte Boecker zeigte sich sehr er­freut über die Schen­kung: „Dieses für die Geschichte des Bonner Beethovenfestes wichtige Dokument nehmen wir gern in unsere Sammlung auf, in der wir auch Dokumente zusammengetra­gen haben, die die Entwicklung des Bonner Musiklebens in der Zeit nach Beethoven widerspie­geln.“ Die Sammlung des Beethoven-Hauses gilt als umfangreichste und vielfältigste Beethoven-Sammlung der Welt. 

Marie Ophoven schildert in ihrem siebenseitigen Brief detailliert die Konzerte des ersten Beethovenf­estes vom 11.-13. August 1845 und schreibt dazu: „Einen solchen Zusammen­fluss von Künst­lern, als dieses Fest herbeiführte hatte ich nie gesehen und werde ihn auch wohl nicht mehr so zu sehn bekom­men. … Von der Pracht des Orchesters und der Chöre, in denen alle große Kräfte mit­wirkten kann man sich nicht leicht einen Begriff machen“. 

Zur Enthüllung des Beethoven-Denkmals berichtet der Brief von einem „furchtbare Gedränge“, in dem „die Damen theilweise ohne Hüte, Halstücher, ja sogar Schuhe dahin gelangten, und einige in Ohnmacht fielen“ Die Festkantate des Vorsitzenden des Denkmal-Komittes Heinrich Carl Breiden­stein „war erbärmlich eben so glaube ich seine Rede, aber prächtig war der Augenblick, wo die Hül­le fiel, unter einem ungeheuren Jubelruf der Menge, Music und Geschützessalven zeigte Beethoven sich der ungeheuren Versammlung, freilich kehrte er den auf Fürstenbergs schönen verziertem Bal­kon, versammelten Herrschafften den Rücken. Bald verlief sich die Menge und Beethoven stand al­lein, nur noch von einigen Kritikern umstellt, von diesen fehlt es nicht, einer findet den einen Arm zu kurz, der andere den andere zu lang. den Ausdruck zu wild, etc, etc,“ 

Die Autorin des Briefes Marie Ophoven ge. Hüffer wurde am 1814 in Münster geboren. Ihr Vater Jo­hann Hermann Hüffer war u.a. 1842-1848 Oberbürgermeister von Münster. In zweiter Ehe heiratete er 1827 in Meckenheim Julia Kaufmann, deren Bruder Leopold Kaufmann 1851 -1875 Bonner Ober­bürgermeister war. Die "Hüffer-Kin­der", ganz besonders Marie, hielten sich oft zu Besuch bei der Familie Kaufmann in Bonn auf. Bei einem solchen Besuch entstand auch der Brief zum Beetho­venfest 1845. Adressiert war er an ihre Stiefmutter Julia, die nach der Heirat mit nach Münster gezog­en war. 

Prof. Dr. Christine Siegert wies als Leiterin des Beethoven-Archivs darauf hin, dass der Brief „eine ausgesprochen interessante Quelle ist, da er eine ausführliche Schilderung des ersten Beethovenfes­tes durch eine interessierte Teilnehmerin enthält. Solche Quellen, die unmittelbare Eindrücke durch musikalische Laien bzw. einfache Besucher dokumentieren, gewinnen für uns immer größere Rele­vanz. Denn dadurch kommen wir der Bedeutung näher, die Beethoven und seine Musik für die Men­schen hatten.“ Eine kommentierte Edition des Briefes soll in den Bonner Beethoven-Studien erschei­nen.

 

Auszüge aus dem Brief von Marie Ophoven vom 15. August 1845 zum ersten Beethovenfest: 

Einen solchen Zusammenfluß von Künstlern, als dieses Fest herbeiführte hatte ich nie gesehn und werde ihn auch wohl nicht mehr so zu sehn bekommen, Spohr, List, Meyerbeer, Gantz, Mantius, Staudigl, die Garzia, Novello, zwar nicht die berühmte, sondern nur die Schwester, dann die Tusseck, Kratky und Schloß, alle diese und noch viele mehr untergeordnete bewegten sich in diesen 3 Tagen beständig vor unsern Augen, einzig schade nur, daß man bei den meisten nur mit dem bloßen Anblick vorlieb nehmen mußte, und nichts aber auch gar nichts von ihnen zu hören bekam.

Dies war wohl der größte Fehler bei diesem sonst so herrlichen Feste, daß die Soloparthien, besonders was den tenor betrifft so schlecht besetzt waren, und man, obgleich die schönen Kräfte da waren, sie nicht benutzte, aus welchem Grunde? Dahinter kam man nicht so recht, so hat Mantius nur ein Mal glaube ich in den Proben gesungen, niemals aber haben wir ihn bei den Aufführungen gehört, nach einigen hatte der König ihm nicht zu singen erlauben wollen, nach andern war die Einladung vom Comité derartig wenig höflich eingerichtet gewesen, daß er sie nicht hat annehmen wollen. Von der Pracht des Orchesters und der Chöre, in denen alle große Kräfte mitwirkten kann man sich nicht leicht einen Begriff machen, doch ich muß jetzt um besser und folgerechter zu erzählen an die einzelnen Tage übergehen.

Bald war es jetzt schon Zeit zum ersten großen Conzert in der Festhalle. Wundervoll war unter Leitung des Herrn Spohr die Aufführung der Messe No 1, und dann die große herrliche 9te Sinfonie mit Chören; der Jubel und Enthusiasmus stieg aufs höchste, ich bedaurte nichts mehr, als daß kein Sohn oder Enkel existirte, um zugegen sein zu können. Dies war der erste aber auch eigentlich der schönste Abend. Der einzige Mangel wie ich schon oben sagte in der Tenorparthie, die von einem ganz untergeordneten Tenoristen der Cöllner Bühne, den dort Niemand so zu sagen hören will, gesungen wurde. Doch man vergaß ihn über dem herrlichen Ganzen.

Am Dienstag Morgen gegen 9 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung, um erst in der Münsterkirche der Aufführung der Messe No 2. beizuwohnen, wir hatten das furchtbare Gedränge gefürchtet, welches auch derartig statt hatte, daß die Damen theilweise ohne Hüte, Halstücher, ja sogar Schuhe dahin gelangten, und einige in Ohnmacht fielen, überhaupt die Aufmerksamkeit durch diese vorkommenden Unruhen von der sonst herrlichen Aufführung abgelenkt wurde; nun nach beendigter Messe nahmen Alle ihre Sitze rings um das Monument ein, und man harrte den Majestäten entgegen, sie kamen erst nach 12 Uhr, wir sahen sie vortrefflich hereinrücken, die beiden Königinnen in einem Wagen, das Hurrah war nicht übermäßig; jetzt wurde zur Festcantate des Herrn Breitenstein geschritten, es war erbärmlich eben so glaube ich seine Rede, aber prächtig war der Augenblick, wo die Hülle fiel, unter einem ungeheuren Jubelruf der Menge, Music und Geschützessalven, zeigte Beethoven sich der ungeheurn Versammlung, freilich kehrte er den auf Fürstenbergs schön verziertem Balkon, versammelten Herrschafften den Rücken. Bald verlief sich jetzt die Menge und Beethoven stand allein, nur noch von einigen Kritikern umstellt, von diesen fehlt es nicht, einer findet den einen Arm zu kurz, der andere den anderen zu lang. den Ausdruck zu wild, etc, etc, vielleicht, daß die Statue sich noch vortheilhafter ausnähme, wenn sie noch um einen oder zwei Fuß erhöhter stände.

Am Dienstag Abend zweites Conzert, eröffnet mit der schönen Ouvertüre zu Coriolan, unvergleichlich schön und ausdrucksvoll spielte Lißt an diesem Abend, das große Conzert von Beethoven, der Applaus wollte auch gar nicht enden; zwei Chöre aus Christus am Oelberg gingen vortrefflich, die Tusseck sang darin vorzüglich, Herr Staudigl die Baßparthie, Tenor abermals sehr schwach. nun kamen noch Quartett und finale aus Fidelio, und die herrliche und eben so schön aufgeführte C mol Sinfonie, unter großem Jubel.

Für den nächsten Morgen 9 Uhr war das Künstlerkonzert bestimmt, von dem einige sich den größten Genuß versprachen; ohne Zweifel war es auch das besuchteste, denn sicher belief sich die Zahl der Zuhörer weit über 3000, die hohen Herrschaften wollten demselben beiwohnen, und deshalb wurde bis halb 11 Uhr, wir waren schon um halb 9, andere schon um 8 Uhr da, auf Sie gewartet. Da erschien der Befehl doch nicht auf sie zu warten, und so begann das Conzert mit der Festkantate des Herrn Lißt, die die Leute nicht übermäßig entzückte, obschon sie einige schöne Stellen enthält. Gerade war sie glücklich beendigt, als vor der Thür einiges Geräusch hörbar wurde und sämmtliche Herrschafften trafen ein, Herr Lißt dachte es wäre zu grausam Ihnen den Genuß seiner Cantate vorzuenthalten, und so begann sie denn aufs Neue, und wir hatten den Vortheil sie zweimal zu hören. Jetzt erfolgte ein Violoncell Solo vom Berliner Hofvioloncellisten Ganz, der ausgezeichnet schön spielte, dann sagen die Damen Kratky und Novello Mad. Pleyel spielte sehr schön und ausdrucksvoll das große Clavierkonzert von C. M. Weber. Ein junger Künstler, Herr Möser, spielte ein Violinkonzert, das mit vielem Beifall aufgenommen wurde. Fräulein Schloß sang äußerst schön ein Lied von Mendelssohn, und nun erfolgte noch ein Violoncellkonzert, das jeder Mann gern geschenkt hätte, um dafür den Staudigel oder die Tusseck zu hören, die auf dem Programm angezeigt standen, aber wegen Mangel an Zeit, denn schon war es 1 Uhr vorüber, nicht zum Auftreten kamen, worüber das Publikum sehr unzufrieden war. Noch darf ich der Ouvertüre zu Egmont nicht vergessen, die mit der äußersten Präzision unter Leitung von Herrn Spohr, aber wie mir schien nicht mit ganz gehörigem Feuer aufgeführt wurde, die Musiker sollten auch wohl nach gerade angefangen ein klein wenig zu ermüden. 

Seite 1 des Ophoven-Briefes vom 15. August 1845

Seite 1 des Ophoven-Briefes vom 15. August 1845

Marie Ophoven geb. Hüffer (1814 - 1884)

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